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Lernen 2.0

erstellt von Verena Siemes am 18.06.2010 11:40 |

Die Individualisierung des Lernens

Lernen 2.0

Microlearning: Alexandria auf iPhone

In den letzten sieben Jahren hat sich das Umfeld von Informations- und Wissensarbeitern - und als solche müssen Bankmitarbeiter gelten - gravierend geändert. Das erfordert einen gänzlich anderen Umgang mit Wissen und dem Wissenserwerb als bisher. Die Arbeitswelt von morgen trifft auf Mitarbeiter, die in Schulen von gestern gelernt haben.

Die ständig wachsende Komplexität, neue Heraus­forderungen, wandelnde Prozesse und die geringe Halbwertzeit von Wissen zwingen uns künftig dazu, lebenslang zu lernen. Das bedeutet aber auch, dass sich die Lernfrequenz deutlich erhöhen und das sogenannte "informelle" und selbstbestimmte Lernen zunehmen muss. Wenn innerhalb von wenigen Monaten gänzlich neue Spielregeln in der täglichen Arbeit gelten, sei es, dass sie vom Markt, der Konkurrenz oder dem Gesetzgeber vorgegeben werden, bedeutet das auch: Das Lernen auf Vorrat hat ausgedient. Um in einer Wissens­gesellschaft auch künftig zu überleben, werden von uns andere Kernkompetenzen (nicht nur) in Bezug auf Lernen und Wissenserwerb gefordert sein:

  • Kritisches und lösungsorientiertes Denken und Problemlösen

  • Zusammenarbeit zwischen Netzwerken

  • Agilität und Adaptionsfähigkeit

  • Zugang zu und Analyse von Informationen

  • Neugier und Vorsttellungskraft

Aber nicht nur der Einzelne muss sich an die neuen Gegebenheiten anpassen, auch die Aus- und Weiter­bildungs­institutionen sind gefordert. Damit sich der Lernende den Herausforderungen stellen kann, muss auch eine Lernumgebung geschaffen werden, die dem gerecht wird. Kurz gesagt, weg von der Wissensvermittlung hin zur Ermöglichungsdidaktik (Prof. Dr. Christina Schachtner).

Wie aber könnte eine solchen "Ermöglichungsdidaktik" aussehen? Zum einen bedeutet es, dass es dem Lerner möglich sein soll, nach seinem eigenen Bedarf und seinem eigenen Tempo vorzugehen. Zum anderen aber auch, dass er nicht mehr passiv Wissen vermittelt bekommt, sondern aktiv - oder besser interaktiv - eingebunden wird.

Nicht nur der Lerner hat persönliche Ziele, auch das Unternehmen will bei der Wissens­vermittlung individuelle Ziele setzten. Diese bestimmen sich auch aus der Strategie, der Organisation und den (bankindividuellen) Prozessen. Wissen muss bedarfsgerecht und aktuell auf den Prozess bezogen zur Verfügung stehen und abrufbar sein.

Gesucht ist also eine Lernumgebung, die individualisierbar ist: für den Lernenden und für das Unternehmen.
 

Abb.: Lernmedien und -methoden

Lernen 2.0 - Lernmedien
und -methoden


Lernen in der Freizeit?

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass Lernen derzeit häufig als eine Unterbrechung des Arbeitsprozesses wahrgenommen wird. Und Lernen in der Freizeit? Noch schwer vorstellbar für die meisten. Wenn wir aber in einer Welt leben, in der lebenslanges Lernen unerlässlich ist und die Lernfrequenz höher wird, muss Lernen und Wissen "allgegenwärtig" (Ubiquität) sein. Lösungen hierfür sind zum einen "Mobiles Lernen" und zum anderen das "Mikrolernen", die idealerweise miteinander kombiniert werden.

Unter Mobiles Lernen ist nicht nur die Überwindung klassischer Präsenz­veranstaltungen zu verstehen, sondern vielmehr die Einbindung sämtlicher Vorteile, die Handys und sogenannte Smartphones (z.B. iPhone) bieten. Wissen wird überall und jederzeit zur Verfügung gestellt. Auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn oder bei einem Spaziergang in der Freizeit. An dem Erfolg von SMS oder den sogenannten Apps (kleine hilfreiche Anwendungen für Smartphones) wird wohl keiner zweifeln - nur werden diese Möglichkeiten zurzeit nicht oder kaum für den professionellen Umgang mit Lernen genutzt. Lernen kann man wortwörtlich auf vielerlei Wegen: Eben auch dadurch, dass ein interaktives Quiz mit Wissensfragen von einem Handy aus beantwortet wird. Die Vorteile von zeit- und raumüberwindenden Technologien werden massiv auch die Lernkultur verändern.

Die Lernfrequenz wird immer höher und Lernen soll nicht als Unterbrechung von Arbeit oder Freizeit angesehen werden. Dies erfordert das Aufbrechen langer Kurseinheiten. Lernen geschieht zwischen zwei Arbeitsprozessen. Dies erfordert den Weg zum Mikrolernen:

  • Dauert zwischen einigen Sekunden und wenigen Minuten

  • Kann in Gruppen erfolgen oder selbstgesteuert in den kleinen Pausen des täglichen Lebens

  • Kurze Lernschritte

  • Kleine, in sich abgeschlossene Lerneinheiten

  • Beschränkte Themen

  • Rückmeldungen und Kontrolle des Lernerfolgs geschehen sofort und direkt

Der große Vorteil: Die Nutzer gelangen schnell an das Wissen, das sie aktuell benötigen. Es können Push-Mechanismen (Lerner erhält z.B. eine SMS auf sein Handy) oder Pull-Mechanismen (Lerner verfolgt eine Diskussion im Forum oder Twitter) eingesetzt werden.

Mikrolernen kann durch verschiedene Medien und/oder Methoden erfolgen, die je nach Lehrziel und -inhalt auszuwählen und zu kombinieren sind:

  • Lernkarten 
  • Twitter
  • SMS und MMS
  • Podcasts
  • Mobile Apps 
  • Blogs

  • Foren

  • Newsletter/Feeds/Abo

  • Mini-Spiele

Mikrolernen eignet sich in diesem Sinn insbesondere, um Impulse zu setzen, die den Lerneffekt erhöhen. Die Art des Mikrolernens kann dem Lernenden einen Impuls geben, nach weiteren Informationen zu suchen. Ein Beispiel: Ein Satz auf Spanisch wird Per SMS geschickt und der Nutzer möchte daraufhin vielleicht eine Vokabel nachsehen. Und Mikrolernen kann die Erinnerung an das Gelernte vertiefen: Nach einer Lerneinheit können in gewissem Abstand Erinnerungs-SMS zur Auffrischung und zur tieferen Verankerung der Lerninhalte im Gedächtnis folgen.

Individualisierung der Lernumgebung

Als Fazit kann man ziehen: Die Individualisierung der Lernumgebung angepasst an die Bedürfnisse des Lernenden, aber auch an die des Unternehmens ist enorm wichtig. Dabei sollten alle technischen und didaktischen Möglichkeiten genutzt werden, die sich derzeit bieten. Gefordert ist eine neue Auseinandersetzung mit den Lernzielen und -themen, um dann das beste Medium und die beste Methode auszuwählen und sie miteinander zu kombinieren (vgl. Abb. Lernmedien und -methoden).